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"EINE ORIENTALISCHE TÄNZERIN"
BRAUCHT PERSÖNLICHKEIT"

Interview mit Latifa Nejim

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Wenn man über dich liest, stößt man unweigerlich auf den Tanz, der in deinem Leben eine besonders große Rolle gespielt hat und immer noch spielt. Wann hast du mit dem Tanzen begonnen, und wann hast du dich entschlossen, daraus einen Beruf zu machen?

Also angefangen habe ich damit schon als Kind. Zum ersten Mal habe ich im Kindergarten Tanzbewegungen gesehen, und da habe ich einfach nachgemacht, was unser Lehrer uns vorgemacht hat. Das hat mir so gut gefallen, daß der Lehrer meinen Eifer zu tanzen erkannt und mich immer in die erste Reihe gestellt hat. Eine solche Aufmerksamkeit hat mir gut gefallen. Schon damals konnte ich mir alle Schritte immer schnell einprägen. Später entdeckte ich dann die Pop-Musik und habe zu allem getanzt, was mir unterkam. Ich war ein großer Fan von Britney Spears und Michael Jackson (lacht), von denen ich mir alle Video-Clips angeschaut habe. Gleichzeitig habe ich mich für alles interessiert, was mit Tanz oder damit zu tun hatte, wie man seinen Körper sonst noch bewegen kann. Ich glaube, alle Kinder sind an irgendeinem Thema interessiert, seien es Gesang, Sport oder was auch immer. Ich glaube, Gott hat uns das eingegeben. Deshalb ist es auch so wichtig, das bei einem Kind rechtzeitig zu erkennen, um es dann zu fördern und zu formen.

Den Bauchtanz hast du von einer russischen Lehrerin gelernt. Wenn man dich tanzen sieht, spürt man sofort, daß dieser Tanz und du füreinander bestimmt seid. Was war es denn genau, daß du nicht mehr von ihm lassen konntest?

Zunächst einmal hat mich fasziniert, daß hier ganz eigene, mir neue Schritte zur Verwendung kamen. Dann habe ich darüber gestaunt, mit wieviel Schönheit und mit welcher Isolation unser Körper sich bewegen kann. Und erst recht begeister hat mich, daß man OT nicht nur als Gruppe, sondern auch solo tanzen kann. Vorher hatte ich ukrainischen Volkstanz in Gruppen betrieben, und da wäre ich schon gern ein Stück weitergegangen, aber man mußte immer auf die ganze Gruppe oder zumindest, wie beim Gesellschaftstanz, auf den Partner Rücksicht nehmen. Dabei bin ich lieber unabhängig und wünsche, mich so weit wie möglich aus mir selbst fortzuentwickeln.

Dein vieles Training hat sich bezahlt gemacht, hat dich zweimal zum “European Champion” gekürt. Wie oft trainierst und lehrst du in einer Woche, wie oft trittst du auf?

Indem ich einen Schritt nach dem anderen gemacht habe. Zunächst einmal bin ich (nur einmal) “European Champion” geworden, danach habe ich “The World Cup” erhalte und bin danach “World Champion” geworden, und das alles innerhalb von sechs Monaten. Danach habe ich nicht mehr an den Wettbewerben der IDO teilgenommen, das war zwischen 2007 und 2008, und bin selbst Jurorin geworden.

Weiter zum Unterricht: Ich gebe an fünf Tagen in der Woche Kurse, und an meinen freien Tagen gebe ich Privatunterricht. Dann entwickle ich auch Choreographien für meine Schüler und versuche auch sonst, ihre Tanztechnik weiterzuentwickeln. Mit anderen Worten, an meinen freien Tagen habe ich nicht sehr viel frei.

Training: Meine Arbeit mit den Schülerinnen ist mein Training, denn ich gebe im Unterricht immer 100 Prozent. Also bekomme ich an jedem Unterrichtstag noch mein persönliches Training obendrauf. Natürlich, wenn etwas Wichtiges ansteht, trainiere ich auch zuhause – zum Beispiel steht eine neue Choreographie für einen Auftritt an, oder ich muß einen neuen Workshop entwickeln. Das ist manchmal harte Arbeit, aber ich möchte sie nicht missen!

Auftritte: In Moskau gibt es viele Lokale, in denen Tänzer auftreten, wer will, kann jeden Tag woanders tanzen. Aber seitdem ich offizielle Jurorin geworden bin, trete ich dort nicht mehr auf. Das dortige System unterscheidet sich auch von dem in Ägypten. Am Nil tritt am ganzen Abend nur ein Künstler auf, in Moskau hingegen zwei bis vier. Das ist hier in Rußland ganz normal. Aber ich trete gern bei Hochzeiten oder anderen Familienfeiern an, bei Parties und so weiter. Doch am allerwichtigsten ist für mich die Bühne, sie zieht mich magisch an. Und deswegen bekommen die Menschen mich häufiger auf Shows und Galen zu sehen.

Du warst in Ägypten, um dort aufzutreten, zu lehren und zu lernen. Was sind denn die großen Unterschiede zwischen dem Bauchtanz in Rußland und dem in Ägypten?

Hm, eine gute Frage. Ich fange mal mit Rußland an. Ich glaube, die russischen Bauchtänzerinnen sind alle durchtrainiert und sehr gut ausgebildet. Das kann jeder leicht feststellen, der sich ein entsprechendes Video im Internet anschaut. Wir haben ausgezeichnete Ballett-Schulen. Jeder kennt das Bolschoi-Theater. Und die Frauen hier tanzen in sehr eleganten, teuren Kostümen. Aber unser eigentliches Problem besteht darin, daß einige unserer Künstlerinnen manchmal nicht mehr so recht unterscheiden können und zuviel Ballett in ihren OT geben. Das ist ein prinzipieller Fehler. Ich predige meinen Schülerinnen immer wieder, daß sie den ägyptischen OT lernen sollen, weil das der originale Bauchtanz ist. Im letzten Jahr sind etliche berühmte ägyptische Tänzer und Tänzerinnen nach Rußland gekommen und haben in unseren Städten Workshops gegeben. Die russischen Tänzerinnen, die nicht nach Ägypten können, erhielten so die Möglichkeit, sich mit eigenen Augen von den Unterschieden zwischen dem ägyptischen und dem russischen Bauchtanz zu überzeugen.
Der ägyptische OT ist viel weicher und gefühlvoller als der russische. Also keine athletische Übung und auch kein Sporttanz. Das ist ein großer Unterschied. Beim echten Bauchtanz kann der Künstler die Aufmerksamkeit des Publikums vom ersten bis zum letzten Moment seiner Darbietung gefangennehmen. Dann erfreut sich das Publikum an dir und deinen Stimmungen, dann fliegt es auf dich. Dabei geht es nicht nur um die Bewegungen deines Körpers, um eine maschinenhafte Beherrschung der Technik. Wie gesagt, die russischen Tänzerinnen sind alle durchtrainiert. Das ist sicher bei vielen Gelegenheiten von Vorteil, aber beim OT eben nicht immer. Man sollte versuchen, ein gesundes Mittelmaß zwischen beiden zu finden.
Erzähle uns doch bitte mehr von deiner Tanzschule “MorAnDo”.

“MorAnDo” ist der Name meiner Modern Tanzschule damals, als ich noch in der Ukraine war. Nachdem ich mit der Schule fertig war, habe ich im Alter von 17 Jahren angefangen zu arbeiten. Ich habe drei verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig ausgeübt. Die erste als Choreographie-Lehrerin an einem Gymnasium mit musischer Ausrichtung und Schülern bis zur siebten Klasse. Die zweite Stelle hatte ich als Choreographie-Lehrerin im “Zentralhaus der Kultur”, wo ich ukrainische Volkstänze unterrichtet habe. Diesen Job habe ich als Leiterin der Volkstanzgruppe “Dnistrove Grono” ergattert. Und mein dritter Arbeitsplatz war im Zentralhaus der Pioniere (Staatliche Jugendorganisation), wo allerlei Kinder eingeladen waren, um sich in verschiedenen Kunstformen zu versuchen wie Malen, Singen und eben Tanzen. Ich war dort als Modern-Lehrerin tätig und konnte dort tun und lassen, was ich wollte, spürte aber bald, daß ich mich von meiner Kunst entfernte.

Also habe ich meine Tanzschule “MorAnDo” ins Leben gerufen, wo ich dann drei Gruppen von Kindern unterrichtete: klein, mittel und mein Alter. Das war eine ungemein interessante Arbeit. In der Erinnerung nenne ich diese Zeit gern die strahlende in der ersten Phase meines Lebens.

Heute arbeitest du für die ARDO. Erzähl uns bitte mehr darüber, die ARDO ist bei uns nicht so bekannt. Und was tust du dort?

Hinter ARDO verbirgt sich die Allrussische Tanz-Organisation, der größte Tanzverband Rußlands, und der richtet hauptsächlich Wettbewerbe aus. Und zwar in den verschiedensten Kategorien: Jazz, Modern, Flamenco, Indisch, Street Dance und viele mehr, unter anderem Orientalischer Tanz. Wie ich bereits erwähnt habe, bin ich in der Disziplin OT eine der Punktrichterinnen der obersten Stufe. 2011 bin ich auch bei der IDO (International Dance Organisation) zur offiziellen Jurorin bestellt worden. In beiden Organisationen werte ich in den offiziellen Wettbewerben: Russische, Europäische und Weltmeisterschaften: Und wie ich ebenfalls bereits erwähnt habe, habe ich mich ja früher selbst an solchen Meisterschaften beteiligt.

Du hast viele Stilrichtungen gelernt, und die läßt du auch in deinen Tanz einfließen. Erzähl uns bitte mehr darüber.

Ich habe mich zur Tänzerin und Choreographin ausbilden lassen. Angefangen habe ich mit Modern und den verschiedensten Volkstänzen. Beim Bauchtanz muß man, um einen eigenen Stil zu entwickeln noch mehr und anderes können, als nur die Grundschritte zu beherrschen. Nun besitzen wir ein Muskel-Gedächtnis. Ein Beispiel: Wenn man vor dem OT Gesellschaftstänze betrieben hat, weiß man auch später noch, wie man sich schnell dreht. Wenn man vorher Ballett getanzt hat, weiß man auch später noch, wie man möglichst elegant die Arme bewegt. Ich sammle nun alle diese Erinnerungen an die verschiedenen Tanz-Genres und setze sie in meinem Bauchtanz ein. Aus dem Modern und Jazz-Tanz weiß ich noch, wann ich sanfter werden und wann und wie sehr ich mich kraftvoller bewegen muß. Je mehr Erfahrung man mit dem Tanz hat, desto leichter geht einem das auch von der Hand oder dem Fuß. Und genau das betreibe ich nicht nur selbst, sondern bringe es auch meinen Schülerinnen bei. Der OT muß von einer Persönlichkeit getanzt werden. Durch deinen Tanz können die Zuschauer in dich hineinsehen, wie beim Röntgen (lacht).

Was werden wir bei Leyla von dir auf der Bühne sehen?

Ich bereite gerade für euch etwas Interessantes vor, bei dem ich euch meine ganze Persönlichkeit zeigen kann. Ich hoffe, ihr genießt diesen Tanz dann genau so wie ich.

Balady: Zuerst wollen wir erfahren, was man eigentlich unter Balady versteht. Danach geht es an die Technik und wie man Balady zu Balady-Musik tanzt. Und dann endlich kommt die Choreographie.

Orientalische Mejance/Eintritt auf die Bühne: Diesen Begriff kennt nicht jede, und ich werde erklären, was es mit ihm im OT auf sich hat. Natürlich dürfen auch hier Technik und Choreographie nicht fehlen.

Technik und Kombinationen im Ägyptischen Stil: Hier befassen wir uns sehr eingehend mit der Technik des Ägyptischen Stils. Alle meine Choreographien beruhen auf dem Ägyptischen Stil, erst meine eigenen Erfahrungen und meine Einfügungen aus anderen Stilen machen sie zu meinem individuellen Stil. Und wir lernen, wie man die Kombinationen mit der Musik verbindet. Wir hören uns eine nach der anderen Kombinationen aus Musikarten an wie klassisch, modern, Balady und Trommelsolo). Und wir befassen uns mit den Grundtechniken der verschiedenen Musikstile, damit man beim Tanz umso besser die Unterschiede spürt.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Eine hübsche Frage … Du meinst sicher die Zukunft meines Tanzes: Ich möchte in der Zukunft an der Entwicklung meiner eigenen Tanzschule arbeiten, um noch mehr Schüler unterrichten zu können. Und mein Wissen und meine Erfahrungen an sie weitergeben zu können. Und so den OT als Genre zu erhalten. Ich liebe meine Arbeit, ich verfolge gern, wie meine Schülerinnen sich tänzerisch entwickeln, und ich sehe gern ihre strahlenden Gesichter nach einer gelungenen Darbietung. Das alles macht mich sehr glücklich!

Homepage Latifa:
http://latifa-dance.com/ru/

Latifa Nejim bei
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Die Workshops mit Latifah Nejim:

Do. 30.11., 15:30 – 17:30 Uhr
Latifa - Egyptian Style & Musicality
Latifa´s weltweit gefeierte Technik & Kombis im Ägyptischen Tanz. In diesem WS vertieft Ihr Eure Ägyptische Tanzkenntnis und lernt, auch eigene Kombis zu unterschiedlicher Musik und Rhythmus zu erstellen (zu klassischer, moderner und traditioneller Musik und/oder Drum solo). Ein Muß!

Fr. 1.12., 17:15 – 19:15 Uhr
Latifa Nejim -Modern Oriental Song
Ägyptische Technik & Choreographie. Erfahre die unterschiedliche Interpretation moderner Songs im Vergleich zu klassischen Songs. Jede Musik benötigt unterschiedliche und spezielle Technik, die Latifa Euch näher bringen möchte. Ein WS mit wunderschöner moderner klassischer Musik & starkem Ausdruck.

Sa. 2.12., 09:00 - 11:00 Uhr
Latifa - Oriental "Mejance" & Veil Entrance
Spektakuläres Entrée mit Oriental Tanz-Technik im Ägyptischen Stil und DIE Choreographie.

Dynamisches elegantes und innovatives Entrée & fesselnde Bühnenpräsenz. Zahlreiche Schritt- Kombis und unerwartete Moves, die Eure Zuschauer in den Bann ziehen! Nach diesem WS kennt Ihr alle Tricks, wie alle Augen NUR auf EUCH gerichtet werden! Bitte Schleier mitbringen! Ab Mittelstufe

So. 3.12., 09:15 -11:15 Uhr
Latifa Nejim – Legendary Egyptian Song
Starke Technik & energiegeladene Kombis führen zu einer ausdrucksstarken, gefühlvollen Choreo zu einer berühmten Klassisch Ägyptischen Musik. Laß Dich verzaubern von Latifas herausstechendem und international gefeiertem Tanzstil und einem der besten legendären Songs des 20. Jahrhunderts. Traue Dich, Deine Gefühle auszudrücken und *werde* die Musik.


Latifa Nejim ist zu Gast bei

Leyla und Roland Jouvanas 25. Orientalischen Festival Europas
vom 28. November bis 3. Dezember 2017 in Duisburg

Infos und Workshopanmeldungen: www.leyla-jouvana.de

Erzähl uns bitte etwas mehr über deine Workshops.

Ich gebe vier Kurse:

Tarab (eine alte und klassische orientalische Form). Dort erfahren wir, was es mit dem “Tarab-Lied” auf sich hat und wie man es tanzt. Wir lernen dann die Technik und die Choreographie eines der schönsten orientalischen Lieder aus dem 20. Jahrhundert.

Photos © M. Joudi, Serge Shestihin
Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Latifa Nejim ist in der Ukraine geboren und aufgewachsen, lebt und wirkt aber seit vielen Jahren in Rußland. Nach einer gründlichen Ausbildung in Modern, Gesellschafts- und Volkstänzen lernte sie den OT kennen und ihn ebenso gründlich studiert. An der Moskauer Staatsuniversität hat sie als Choreographie-Lehrerin graduiert. Man darf sie ohne Übertreibung als eine der ganz großen Tänzerinnen der OT-Welt nennen, und was noch besser ist, sie kommt endlich zu uns nach Deutschland!