Startseite/Aktuelles
zurück zu Interviews
Photos ©: André Elbing and others
Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Junge männliche Tänzer aus dem nichtorientalischen Ausland kommen nicht so oft zu uns. Wir erinnern uns gern an Guo Wei und einige wenige andere. Das liegt vermutlich daran, daß der orientalische Tanz vornehmlich eine Sache der Frauen ist. Nun tritt ein junger, erfoglgreicher Künstler aus St. Petersburg bei uns auf, dem auch der Ruf vorauseilt, phantastische Workshops zu geben.

Wir haben ihn befragt, und er erzählt über Gott und die Welt, und auch, wie es für ihn als Mann ist, in einem „Frauen-Genre“
aktiv zu sein.
"HABT KEINE ANGST,
FEHLER ZU MACHEN!"

Interview mit Luxor

von Natasha Bastrón (auch Übersetzung)

Wie bist du zum Bauchtanz gekommen, und warum bist du bei ihm geblieben?

Meine Vorliebe zur orientalischen Musik hat sich schon in früher Kindheit gezeigt: Bereits als vierjähriger Junge habe ich überall, wo es möglich war, zu den östlichen Rhythmen getanzt (in Geschäften, in öffentlichen Verkehrsmitteln, einfach auf den Straßen ...) Als ich fünf Jahre alt war, habe ich bereits mein erstes Geld mit dem Tanzen verdient: Ich fuhr mit meiner Familie im Zug von Moskau nach Taschkent (Hauptstadt Usbekistans) und als ich in Radio ein orientalisches Lied hörte, fing ich an zu tanzen. Die anderen Passagiere konnten nicht anders, als mich dafür mit etwas Geld zu belohnen! 

Hast du andere Stile gelernt, und wie beeinflussen sie deinen Bauchtanz?

Leider habe ich keine Tanzausbildung, ich habe nicht einmal eine Tanzschule besucht. Mehr als das: Wenn ich nicht den orientalischen Tanzstil kennengelernt hätte, würde ich bestimmt nie tanzen. Vielleicht gerade, weil ich sonst nichts anderes tanze, hat mein Körper die orientalischen Bewegungen ganz leicht und schnell verinnerlicht.

Wie hast du dich als Mann in einer Kunstrichtung eingefunden, die vornehmlich von Frauen betrieben wird?

Es hat sich wie folgt entwickelt: Ich war am Schluß meines Studiums an der Staatlichen Universität St. Petersburg, wo ich türkische und persische Sprachen studiert habe. In dieser Zeit bin ich öfters in die Türkei gereist. Dort bin ich einmal aus Langeweile in einen Fitnessclub gegangen, wo ich zufällig auf einen offenen Bauchtanzunterricht gestoßen bin. Den habe ich mitgemacht und gemerkt, daß es bei mir ganz gut klappt, sogar besser als bei vielen der anderen Anwesenden. Ich fand es sehr interessant und habe angefangen, regelmäßig zu trainieren. Als ich dann wieder nach St. Petersburg kam, habe ich mir eine Tanznummer ausgedacht und mich damit in einem Restaurant beworben. So fing mein männlicher Bauchtanz an.

Erzähle uns bitte mehr von deinen Sprachkenntnissen und deiner Ausbildung! Warum hast du heute nach deinem Universitätsabschluss nicht mehr viel mit den Sprachen zu tun?

Ich spreche auch noch auf Englisch, Türkisch und Farsi (die persische Sprache). Vier weitere orientalische Sprachen (darunter Usbekisch, da ich vor St. Petersburg in Usbekistan wohnte) kann ich schriftlich übersetzen. Nach meinem Studium hätte ich ein Diplomat werden können, aber gerade da hat mich der Bauchtanz gepackt. Ich habe einen verrückten Auftrittsplan. Auch damals schon bin ich ständig irgendwohin geflogen. Als ich mit dem Studium fertig war, bin ich komplett in den Orientalischen Tanz gegangen. Heute arbeite ich noch zusätzlich bei IKEA, wo ich zwar nichts mit dem Tanz zu tun habe, aber meine Sprachkenntnisse verwenden kann.

Wenn du ein neues Stück choreographierst, wie gehst du dann vor. Was steht am Anfang, und wie fährst du dann fort?

Wer mich kennt, weiß, daß ich noch nie in meinem Leben eine Choreographie getanzt habe. Alle meine Shows sind zu 100% improvisiert. Ich weiß im Voraus nie, was in der nächsten Sekunde meines Auftritts passiert.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich eine Idee, spezielle Musik und eine künstlerische Gestaltung des Auftritts. Als Erstes kommt bei mir die Musik, die mich quasi besessen macht. Und fast zeitgleich habe ich schon die Idee für die Gestaltung der Nummer vor Augen - mit Kostüm, bis hin zu der Struktur seines Stoffes. Danach renne ich zu meiner Lieblingsdesignerin POLINA Jonnie, die dann meine Idee zum Leben bringt.

Wie ist die Bauchtanz-Situation mittlerweile in St. Petersburg?

Wenn wir über Wettbewerbe und Festivals sprechen, dann kann ich sagen, daß das Niveau dieser Tanzrichtung in St. Petersburg sehr hoch ist. Es gibt mehrere große Tanzschulen und

starke Tänzerinnen. Wenn wir über Auftritte in Clubs reden, dann kann man sagen, daß St. Petersburg weiterhin die Stadt mit der größten Nachfrage nach Orientalischem Tanz bleibt. Unsere Leute lieben die leistungsstarken Vorstellungen von schicken Tänzerinnen. Das ist auch der Grund, warum junge Tänzerinnen sehr hart trainieren müssen, um mit den Profis konkurrieren zu können.

Was kannst du uns über deine Lehrtätigkeit im orientalischen Tanz erzählen?

Mein Publikum liebt mich nicht für die raffinierte Technik oder komplizierte choreographische Etüden, sondern viel mehr für die Energetik und die feierliche Stimmung, die ich mitbringe. Deswegen hoffen die Leute, die zu meinem Unterricht kommen, dort zu lernen, mit dem Publikum zu arbeiten. Allerdings kann ich den Schülerinnen und Schülern nicht beibringen, den Prozess der Arbeit mit dem Publikum zu lieben und zu genießen - so wie ich das tue.

Was hat den Weg deiner Karriere gepflastert?

Viele haben mir gesagt, daß diese Tanzrichtung für viele Leute uninteressant ist und daß ein Mann in diesem Genre nicht wirklich an die Frauen herankommen kann. Mein Sprungbrett war der Wunsch, es zu beweisen, daß ein Mann nicht weniger qualitative Shows machen als die Mädels.

Was schätzst du als das Interessanteste oder das Wichtigste in deinem Tanzleben bis jetzt ein? Was waren die glanzvollsten Momente?

Die größte Errungenschaft meines Tanzlebens ist der Beitrag dazu, daß man Bauchtanz in Rußland heutzutage ernst nimmt und in die Programme der modischen Night Clubs gleich- berechtigt mit Show-Balletten, Sängerinnen und Sängern und anderen Unterhaltungs-Formen integriert. Einer der markantesten Momente war deswegen der Vertrag mit dem größten Nachtclub Moskaus. Das hat nachfolgend den Weg für mehrere junge Tänzer geöffnet.

Was siehst du als das Schwierigste in der Entwicklung zum Tänzer oder zur Tänzerin an? Was ist das Schwierigste für dich?

Das Schwierigste ist es, seine Individualität zu bewahren. Es ist wohl unmöglich, ohne einen eigenen Stil ein populärer Tänzer zu werden. Deswegen rate ich allen angehenden Tänzern: Ihr sollt keine Angst haben zu experimentieren. Eine Idee, die die anderen für absurd halten, kann euch auf Gipfel des Ruhms bringen. Habt keine Angst, Fehler zu machen! Das wird euch helfen, euch zu entwickeln und zu wachsen!

Du kommst zum ersten Mal zu uns, was erwartest du von Deutschland?

In der Tat - ich komme zum ersten Mal nach Deutschland. Ich bin sehr aufgeregt, weil ich noch nicht den Geschmack und die Vorlieben des deutschen Publikums einschätzen kann. Werden die Zuschauer mein explosionsartiges Temperament mögen? In jedem Fall bin ich immer offen und ehrlich zum Publikum, und ich hoffe, daß das gefallen wird. Ich habe allerdings deutsche Vorfahren - vielleicht hilft mir das, die Zuschauer in Hannover besser und tiefgreifender zu verstehen.

Erzähle uns bitte von deinen deutschen Wurzeln!

Meine Großmutter mütterlicherseits hieß Paulina Ostwald und ihr Vater Heinrich Ostwald. Das war eine deutsche Familie mit vielen Kindern. Meine Großmutter heiratete meinen Großvater - einen Ukrainer - und danach verlor sich die Verbindung zu der deutschen Seite.

Was bekommen wir in Hannover von dir auf der Bühne zu sehen?

Das Ziel jedes meiner Auftritte ist es, dem Publikum Freude und gute Laune zu schenken, den Abend für sie zu verschönern und ihnen positive Ladung und heitere Emotionen mit nach Hause geben. Ich möchte zeigen, dass es während eines solchen Auftritts wie auf einer orientalischen Hochzeit lustig zugehen kann. Während meines Auftritts könnt ihr gerne alle

Konservatorium-Anstalten vergessen und euch in das Erlebnis stürzen: Singen, Klatschen, Stampfen und Pfeifen, von euren Plätzen Aufstehen und Mittanzen! Warum nicht - wenn ihr Musik hört, zu der eure Schulter zucken möchten?

Auf was können sich die Besucher deines Workshops einstellen?

Als Erstes kann ich ihnen gute Laune versprechen! Aber ich möchte ihnen auch beibringen, eine schöne und interessante Nummer auf der Basis von einfacher Tanztechnik zu machen. Das Wichtigste ist es, das was du tust aufrichtig zu genießen.
Luxor bei facebook ...
Luxor ist zu Gast bei der
19. World of Orient
2. - 4 März 2018
in Hannover

Infos & Workshopanmeldungen:
www.world-of-orient.de